Am 15. September 2026 trafen sich an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) Wissenschaft und regionale Wirtschaft: Beim 1. Netzwerktreffen des Forschungsprojekts EFRE DiReKT erfuhren mehr als 40 Teilnehmende aus kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), wie Künstliche Intelligenz ihren Arbeitsalltag konkret unterstützen kann, von einer sicheren Datenplattform bis zum KI-Telefontrainer.
Worum es bei DiReKT geht
DiReKT steht für „Digitale Resilienz durch KI-Technologien“. Das Projekt läuft von Sommer 2025 bis Juni 2028 und wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Getragen wird es von drei Lehrstühlen der JMU: Prof. Dr. Axel Winkelmann (BWL und Wirtschaftsinformatik), Prof. Dr. Jana-Kristin Prigge (Marketing) und Prof. Dr. Frank Puppe (Künstliche Intelligenz, CAIDAS).
Der Hintergrund: KMU sind Pfeiler der regionalen Wertschöpfung, stehen aber durch Lieferkettenengpässe, Fachkräftemangel und das Tempo der Digitalisierung unter Druck. Resiliente Strukturen lassen sich mit begrenzten Ressourcen kaum nebenbei aufbauen. Gemeinsam mit derzeit acht Partnerunternehmen entwickelt DiReKT deshalb KI-Lösungen, die bestehende Prozesse weiterentwickeln statt sie zu ersetzen, wirtschaftlich tragfähig sind und für teilnehmende Unternehmen kostenfrei bleiben.
Vom Klavierbau zur KI
Prof. Dr. Axel Winkelmann eröffnete den Nachmittag mit einem Blick zurück: 1899 war die Handelskammer Braunschweig überzeugt, im Klavierbau werde der Mensch „niemals durch Maschinen ersetzt werden können“. Seitdem ist der Personaleinsatz dort auf ein Zwanzigstel gesunken. Schon 1851 baute die Londoner Firma Broadwood mit 2.300 Klavieren im Jahr so viele Instrumente wie alle 105 Wiener Klaviermacher zusammen, und das zum halben Preis und für den Weltmarkt.
Seine These für die Gegenwart: Abwarten ist die teuerste Strategie. Kundenerwartungen verschieben sich ohnehin, Kompetenz lässt sich nicht nachkaufen, wenn der Druck erst da ist. Im Fachkräftemangel kann KI zudem Lücken schließen, statt Stellen wegzurationalisieren.
Thesen zur Diskussion: das Panel
Wie die Teilnehmenden selbst den Einsatz von KI einschätzen, wurde in der anschließenden interaktiven Paneldiskussion deutlich. Anhand zugespitzter Thesen zu Themen wie KI-Assistenten im Kundenkontakt, dem Administrationsaufwand und dem EU AI Act, begrenzten Budgets und fehlender Zeit sowie der Datenhoheit diskutierten sie unterschiedliche Perspektiven und brachten ihre eigenen Erfahrungen ein. So entstand ein branchenübergreifender Austausch, bei dem die vielfältigen Herausforderungen und Sichtweisen der Unternehmen unmittelbar aufeinandertrafen.
KI auf eigenen Daten ohne Datenabfluss
Yannick Paschke und Felix Hermann zeigten im Anschluss mit der DiReKT-Datenplattform, wie Unternehmen KI auf ihren vertraulichen Daten nutzen können, ohne sie aus der Hand zu geben. Ihr Grundprinzip: „Das Sprachmodell kommt zu den Daten – nicht die Daten zum Sprachmodell.“ Ein eigenes Sprachmodell läuft auf einem kontrollierten Server in einem deutschen Rechenzentrum. Dokumente, Tickets, E-Mails und Datenbanken bleiben in den Systemen des Unternehmens und werden nur bei Bedarf abgerufen. Berechtigungen übernimmt die Plattform aus der bestehenden Nutzerverwaltung: Was ein Mitarbeiter nicht sehen darf, sieht auch ihr KI-Assistent nicht.
Statt eines generischen Chats legen Unternehmen eigene, agentische Assistenten für konkrete Aufgaben an, etwa für Vertrieb, Technik oder Verwaltung. Wissenschaftlich setzt das Team auf Semantikmodellierung und Ontologien, damit die KI versteht, was zum Beispiel ein „Auftrag“ im jeweiligen Unternehmen bedeutet. Ein Prototyp ist seit Juli 2026 fertig, erste reale Tools sind angebunden. Als Nächstes folgen Nutzerexperimente mit Partnerunternehmen. Die Plattform ist Open Source und soll auch über das Projektende hinaus nutzbar bleiben.
Workshop: Kontext ist alles
Selbst ausprobieren hieß es im 60-minütigen Workshop „Context Engineering“. Ausgangspunkt waren fünf Grundprinzipien des Promptings nach Phoenix und Taylor (2024): Richtung vorgeben, Format festlegen, Beispiele geben, Qualität bewerten und Aufgaben aufteilen. Der Schwerpunkt lag jedoch auf der Frage, welche Informationen ein Sprachmodell beim Antworten vor sich hat. Oberflächliche Ergebnisse entstehen meist, weil die KI zu wenig über Unternehmen, Zielgruppe und Tonfall weiß.
Wie sich solcher Kontext dauerhaft hinterlegen lässt, etwa über Projekte, Vorlagen oder angebundene Datenquellen, zeigte das Team an aktuellen KI-Werkzeugen. Anschließend setzten die Teilnehmenden das Gelernte in drei Aufgaben selbst um.
Train to Call with AI: ein Projekt von Studierenden
Zum Abschluss des Programms präsentierten Studierende den KI-gestützten Gesprächstrainer „Train to Call with AI“, der im Rahmen eines Projektseminars entwickelt wurde. Die Gruppe widmete sich damit einer Herausforderung, die viele kennen: Telefonieren lässt sich häufig erst im direkten Kontakt mit echten Kundinnen und Kunden erproben. Da Mimik und Blickkontakt als unterstützende Kommunikationsmittel wegfallen, kommt es am Telefon besonders auf die Stimme und die richtige Gesprächsführung an – eine Situation, die bei vielen Menschen Unsicherheit oder Telefonangst auslösen kann.
Mit dem Trainer wählen Nutzerinnen und Nutzer ein Szenario und eine Gesprächspersona, führen das Telefonat mit einer KI und erhalten danach Feedback: zum Was (Sprache, Struktur, Wortwahl) und zum Wie (Intonation, Tempo, Artikulation). Die Idee dahinter: KI nicht als Abkürzung nutzen, die eigene Fähigkeiten ersetzt, sondern als Trainingspartner, der sie verbessert. Der Trainer ist jederzeit verfügbar und ohne bedeutende Mehrkosten skalierbar. Profitieren können etwa Berufseinsteiger, technische Fachkräfte, Nicht-Muttersprachler oder Menschen mit Telefonangst. Die Verarbeitung erfolgt auf Servern in der EU, die Sprachaufnahme wird direkt nach der Auswertung gelöscht. Der Trainer steht kurz vor der Fertigstellung; als Nächstes folgen Usability-Tests und eine vertiefte Analyse der Stimme.
Ausklang und Ausblick
Beim anschließenden Come-together setzten sich die Gespräche bei Snacks und Getränken fort. Das Fazit fällt positiv aus: Mehrere Unternehmen haben bereits Interesse signalisiert, die entwickelten Lösungen im eigenen Betrieb zu pilotieren. Präsentation und Demovideos zur Veranstaltung stehen unter efre-direkt.de/events/3 bereit. Über Website, LinkedIn und Newsletter berichtet das Team laufend über den Projektfortschritt.
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Das Projekt EFRE DiReKT wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.
Diese Arbeit entstand im Rahmen des DiReKT-Projekts und wird teilweise vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie finanziert, ermöglicht durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) (3.2-StMWK-F.4-V0341.2.0/2/797).
Die Autoren sind für den Inhalt dieser Veröffentlichung verantwortlich.
von Benedict Väth
Einblicke vom EFRE DiReKT-Netzwerktreffen (Bilder: Universität Würzburg)
