Am 13. Januar war der ehemalige Bundesaußenminister und frühere Vizekanzler Sigmar Gabriel auf Einladung von Prof. Dr. Peter Bofinger zu Gast an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Im voll besetzten Audimax sprach er vor zahlreichen interessierten Zuhörerinnen und Zuhörern, darunter Studierende, Mitarbeitende der Universität, Professorinnen und Professoren sowie externe Gäste.

Thema der Veranstaltung war die Rolle Europas und Deutschlands in einer sich dramatisch wandelnden Weltordnung und die damit verbundenen aktuellen wirtschafts- und geopolitischen Herausforderungen. In seinem Impulsvortrag ordnete Gabriel die gegenwärtige weltpolitische Lage historisch ein und zog dabei einen Vergleich mit der Geschichte Venedigs. Die Stadt war über Jahrhunderte ein wirtschaftliches und politisches Zentrum Europas, verlor ihre strategische Bedeutung jedoch mit der Entdeckung Amerikas und der Verlagerung der globalen Handelsachsen vom Mittelmeerraum hin zum Atlantik. Der Macht- und Bedeutungsverlust sei weniger das Ergebnis falscher Entscheidungen als vielmehr Ausdruck tiefgreifender geopolitischer und ökonomischer Verschiebungen.

Gabriel skizzierte eine Weltordnung im Umbruch: Die USA konzentrierten sich zunehmend auf den pazifischen Raum und China, während ihr traditionelles Selbstverständnis als globale Ordnungsmacht schwinde. Multilaterale Institutionen und Mechanismen zur Konfliktlösung, die lange Zeit für Stabilität gesorgt hätten, verlören an Bedeutung. Europa müsse lernen, in einer Welt zu bestehen, in der Machtpolitik wieder offen betrieben werde – Gabriel sprach in diesem Zusammenhang von „Vegetariern in einer Welt der Fleischfresser“.

Besonders eindringlich äußerte er sich zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine, den er als Ausdruck großmachtpolitischer Ambitionen Wladimir Putins beschrieb. Ein diplomatischer oder militärischer Erfolg Russlands würde aus seiner Sicht nicht zu einkehrender Ruhe führen, sondern weitere Expansion begünstigen. Vor diesem Hintergrund betonte Gabriel die Notwendigkeit europäischer Geschlossenheit, verlässlicher Bündnisse und einer glaubwürdigen sicherheits- und verteidigungspolitischen Handlungsfähigkeit.

Auch die wirtschaftliche Lage Deutschlands nahm breiten Raum ein. Gabriel sprach von der schwierigsten ökonomischen Situation seit Bestehen der Bundesrepublik: hohe Arbeits-, Energie- und Bürokratiekosten, demografische Herausforderungen sowie veränderte globale Handelsbedingungen setzten das exportorientierte Geschäftsmodell unter Druck. Lösungen, die in der Vergangenheit über den Außenhandel funktioniert hätten, stünden heute nicht mehr in gleicher Weise zur Verfügung.

Eine strategische Chance für Europa sieht Gabriel insbesondere in der Zusammenarbeit mit Staaten, die sich weder den USA, noch China oder Russland eindeutig zuordnen. Gerade diese Länder suchen außenpolitischen Spielraum und verlässliche Partner. Europa könne hier eine gestaltende Rolle übernehmen, laufe jedoch Gefahr, sich diese Chancen selbst zu verbauen. Zu häufig trete die EU in internationalen Partnerschaften mit einem stark normativen Anspruch auf und knüpfe Kooperationen an kurzfristige moralische Erwartungen. Notwendig sei stattdessen eine realistischere Außen- und Wirtschaftspolitik, die Interessen und Werte gemeinsam denkt und Prioritäten klar benennt.

Zum Abschluss formulierte Gabriel zwei zentrale Voraussetzungen, um Deutschland wieder wettbewerbsfähiger zu machen: eine konsequente Beschleunigung von Entscheidungs- und Genehmigungsprozessen sowie eine gesellschaftliche Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu übernehmen. Historische Beispiele – vom Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur europäischen Einigung – zeigten, wozu Gesellschaften fähig seien, wenn sie Veränderungen aktiv gestalten wollten.

In der anschließenden Fragerunde diskutierte Gabriel mit den Studierenden unter anderem über Sparpolitik und Investitionen, grüne Technologien und Umweltauflagen, die Zukunft der Automobilindustrie, europäische Handlungsspielräume in internationalen Konflikten sowie Wege zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Der lebhafte Austausch unterstrich das große Interesse an einer fundierten Einordnung der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen.

Eindrücke aus dem Vortrag von Sigmar Gabriel (Bilder: Universität Würzburg)