Anlässlich seines 90. Geburtstages würdigt die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät eine Persönlichkeit, die ihre Geschichte über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt hat: Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing. Mit ihm verbindet sich nicht nur ein herausragender wissenschaftlicher Werdegang, sondern auch ein Lebensweg, der eng mit Würzburg verknüpft ist – der Stadt, in der er 1936 geboren wurde und in der seine akademische Laufbahn ihren Ausgang nahm.

Nach dem Abitur am Riemenschneider-Gymnasium begann Issing zunächst ein Studium der Altphilologie, bevor er zur Volkswirtschaftslehre wechselte, die er 1960 erfolgreich abschloss. Bereits ein Jahr später promovierte er mit einer Arbeit über „Probleme der Konjunkturpolitik bei festen Devisenkursen und freier Konvertibilität der Währungen. Dargestellt am Beispiel der EWG“. Darin setzte er sich früh mit Fragen auseinander, die bis heute zu den zentralen Herausforderungen internationaler Wirtschafts- und Währungspolitik zählen. Es folgten die Habilitation im Jahr 1965 sowie die Verleihung der Venia Legendi für Volkswirtschaftslehre und Volkswirtschaftspolitik.

Nach einer ersten Professur an der Universität Erlangen-Nürnberg kehrte Otmar Issing 1973 nach Würzburg zurück und übernahm den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre, Geld und internationale Wirtschaftsbeziehungen, den er bis 1990 innehatte. Diese Zeit markiert eine besonders prägende Phase seines wissenschaftlichen Wirkens. In Würzburg entstanden grundlegende Arbeiten zur Geldtheorie und Geldpolitik, die weit über die Universität hinaus Wirkung entfalten sollten. Seine Lehrbücher entwickelten sich zu Standardwerken, die Generationen von Studierenden geprägt haben.

Kennzeichnend für Issings akademisches Wirken war stets die enge Verbindung von Theorie und Praxis. Geldtheorie verstand er nicht als abstrakte Disziplin, sondern als analytisches Fundament für konkrete wirtschaftspolitische Entscheidungen. Zugleich zeichnete ihn eine bemerkenswerte intellektuelle Breite aus: Seine Arbeiten reichten von geldtheoretischen Fragestellungen über wirtschaftspolitische Analysen bis hin zu Beiträgen zur Dogmengeschichte und zur Rolle von Moral in der Ökonomie.

Auch über die Universität hinaus brachte er seine Expertise früh in wirtschaftspolitische Beratung ein. Von 1988 bis 1990 war er Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Im Anschluss wechselte er in das Direktorium der Deutschen Bundesbank, wo er als Chefvolkswirt in einer wirtschaftspolitisch hochsensiblen Phase – geprägt von Wiedervereinigung und europäischer Integration – Verantwortung übernahm.

Mit der Berufung in das Direktorium der Europäischen Zentralbank im Jahr 1998 begann schließlich ein weiteres zentrales Kapitel seines Wirkens. Als Chefökonom der EZB war Otmar Issing maßgeblich an der konzeptionellen Ausgestaltung der Geldpolitik im Euroraum beteiligt. Insbesondere die Entwicklung der Zwei-Säulen-Strategie trug wesentlich dazu bei, der neuen Institution Glaubwürdigkeit und Stabilitätsorientierung zu verleihen. Damit wurde er zu einer prägenden Figur der europäischen Geldpolitik.

Trotz dieser internationalen Aufgaben blieb die Verbindung zu Würzburg und zur Fakultät stets bestehen. Sein Wirken hat die wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung und Forschung vor Ort nachhaltig beeinflusst und die Reputation der Fakultät weit über die Region hinaus gestärkt.

Mit seinem wissenschaftlichen Werk, seinem wirtschaftspolitischen Engagement und seiner institutionellen Gestaltungskraft verkörpert Otmar Issing in besonderer Weise die Verbindung von akademischer Exzellenz und praktischer Verantwortung. Sein Lebensweg steht exemplarisch für eine Generation von Ökonomen, die Theorie und Politik nicht als getrennte Sphären verstanden, sondern als sich wechselseitig ergänzende Bereiche.

Die Fakultät würdigt mit großem Respekt und Dankbarkeit das Lebenswerk eines Gelehrten, der in Würzburg seine Wurzeln hat und von hier aus internationale Maßstäbe gesetzt hat.

Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Otmar Issing (Bild: privat)